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 Mit dem Greben Mergard durch die Feldmark des Dorfes Heiligenrode

 

"Du, Henner, ich muß morgen nach dem Frühgottesdienst mal an den Umbachsgraben. Der ist vollkommen zugewachsen. Willst Du mit?"

"Ja, Hannes, ich habe weiter nichts vor. Also, abgemacht, morgen nach dem Frühgottesdienst."

Der da am Spätnachmittag am Zaun steht und seinen Nachbarn zu einer kleinen Flurbegehung einlädt, ist Johannes Mergard, der Grebe - wir schreiben das Jahr 1750 - des Dorfes Heiligenrode im Amte Neustadt, der Bürgermeister "über 88 Männer, 95 Weiber, 143 Söhne, 106 Töchter, 3 Knecht und 8 Mägde". Bald hat er das Füttern beendet, das Abendbrot ist eingenommen, und der Hof und das ganze Dorf liegen in nächtlicher Ruhe, und der Nachtwächter geht seine Rund.

Am nächsten Morgen läutet die schon aus dem 14. Jahrhundert stammende Kirchenglocke den Sonntag ein. Alle, suchen den Frühgottesdienst. Einer der Jungen, die vor dem Altar sitzen, ist mit seinen Gedanken ganz und gar nicht bei der Predigt. Es ist Christoph, das Patenkind des Greben. Vater hat ihm gestern zugesagt, er könnte mit ihnen kommen; na, und das ist doch eine Sache!

Nun stehen die beiden, Vater und Sohn, schon auf der Dorfstraße und warten auf dem Greben. Wie gewöhnlich ist er wieder durch einen Einwohner, der ihn um seinen Rat fragt, aufgehalten worden. "Guten Morgen, Henner! Na, und du, Steffel? ´n Morgen! Willst du mit?" "Ja, Pate, wenn Ihr mich mitnehmt?" "Aber gewiß! - Henner, wir gehen zunächst in Richtung Remise, dann den, Umbachsgraben hinauf zu Diebach und von dort - na, wir wollen mal sehen, ob dann noch Zeit ist." Sie wandern aus dem Dorf einen schmalen Fußweg entlang, der durch "Schlontzens Gasse" über den "Schlontzen Hof" und weiterhin über die Äcker "am Stein" und die "Steinecke" führt.

"Hier könnte es schon wieder mal regnen! Ja, dieser Höhenzug zwischen Nieste und dem Umbachsgraben hat doch einen leichten Boden, der Untergrund besteht nur aus Buntsandsteinplatten. Die Flurstücke tragen ihren Namen vollkommen mit Recht." "Heimersbruch" rechts liegen lassen, sehen sie vor sich in einem kleinen Tal grünende Wiesen, auf der anderen Seite der Anhöhe den "Eichwald". Den leicht abfallenden Pfad verfolgen sie weiter und kommen an den "Umbachsgraben".

"Henner! Auf welche Gedanken der Landgraf auch kommt! Er hat doch hier Fasane ausgesetzt! Als ob er nicht genug Wild im Kaufunger Wald jagen und schießen kann!" "Und dann baut er noch für die Vögel einen Futterplatz, die Remise".

"Mit dem Johann Hoffmann, dem Vogelfänger - du kennst ihn ja, er wohnt doch oben im Dorfe - habe ich mich neulich unterhalten: leichten Dienst haben die Jägersleuete beim Landgrafen nicht! Ich möchte mit ihnen nicht tauschen!"

 Am "Umbachsgraben" bleibt der Grebe stehen. Von hier aus - der Grenze nach dem benachbarten Bettenhausen - können sie beide das ganze Tal übersehen. Der Grebe sieht sich den Grabe an, blickt über die Wiesen, nimmt sich wieder den Graben vor. Sein Nachbar ist auch mit Gucken beschäftigt. Beide schweigen, sie gehen ihren Gedanken nach. Und Chistophel? Der hat so manches Interessante entdeckt, das ein Jungenherz begeistern kann. Frösche in großer Zahl hopsen in weiten Sprüngen im Gras herum - plumps! Einer sucht sein Heil im Wasser; einen Ringelnatter windet sich zwischen den Grasbüscheln hindurch und sucht sich ihre Beute.

"Du, Henner, wir müssen doch in den nächsten Wochen den Graben säubern; der ist schon wieder ziemlich zugewachsen, das Wasser kann gar nicht richtig ablaufen." "Sei zufrieden, das die Quelle da oben in der `Pfingstweyde` noch eines Armes dick´quillt und auch in den stärksten Wintern nicht zugefroren ist, wenn die Nieste längst mit Eis bedeckt ist! Wo sollten wir wohl unser Wasser herholen?" "Ja, ja, das stimmt schon! Wenn wir aber den Graben nicht aufmachen, überschwemmen die Wiesen - und wo holen wir das Grummet her? Du weißt genau die meisten Wiesen sind einschurig. - Die Anlieger müssen sehr bald den Graben in Ordnung bringen." Auf einem schmalen Steg überqueren sie den Umbachsgraben. "Sieh dir bloß auf der Anhöhe, dem Balkenstrick, den Roggen und den Hafer an! das Getreide steht gar nicht schlecht." "Na, Hannes, da oben nach Windhausen zu, am Balkenröder Weg steht das Korn noch besser!" "..... ist doch selbstverständlich! Da auf der Höhe ist das Land auch viel fruchtbarer als hier." "Ja, wenn nur nicht die starken Regengüsse im Sommer die Ackerkrume mit ins Tal nähmen! Wie sah es doch vor Jahren da drüben im Niestetal in den Fuchslöchern und im Fossenacker aus! Und von dem Heu im Crainchhals an der Diebach war doch überhaupt nicht mehr zu retten." "Henner, Henner, wenn die Anlieger nicht für den Abfluß sorgen, haben wir beim nächsten starken Landregen überschwemmte Wiesen. Durch den Dorfknecht lasse ich die Leute anheißen. Die Arbeit muß jetzt noch gemacht werden."

Auf der linken Seite des Weges an den "tiefen Wiesen" und dem "Bodden" auf der rechten am "Gecksberg" vorbei, kommen unsere drei Wanderer auf den "Kaufunger Fußpfad", der das Dorf mit dem im Lossetal liegenden Dörfer Nieder- und Oberkaufungen verbindet. Hier in den "wüsten Höfen" und in der "Pfingstweyde", wo die Umbach entspringt, ist der Tummelplatz der Dorfjugend.

Die beiden Alten reden vom Wind und Wetter, von der Frühjahrsbestellung, der bevorstehenden Ernte, von den zu leistenden Abgaben an die "Rentherey" in Kassel und auch von einem Kirchenneubau. Christoph, den die Gespräche der beiden weniger Interessieren, ist deshalb seinen eigenen Weg gegangen: hier eine Blume, da oben in den Zweigen ein Nest, dort eine Biene, hier wieder mal einen Blindschleiche, und da hoppeln gemütlich ein paar Hasen durch die grüne Saat. Doch schon geht er wieder neben seinem Vater und sieht ihn so fragend von der Seite an.

"Na, Christoph, was hast du denn auf dem Herzen?" "Ja, Vater, wir sind doch hier in der Umbach, wo wir unser Grabeland haben. Wir Jungen hören immer, hier soll mal ein Dorf gestanden haben, und die Schweden hätten es im Krieg geplündert und dann angezündet. Hat hier denn wirklich mal ein Dorf gestanden?"

"Als ich ein kleiner Bub war wie du heute, lebt mein Großvater noch, ein Mann von 80 Jahren. Dessen Vater hatte noch den großen Krieg miterlebt. Ja, Soldaten hatten zwischen Sandershausen und Heiligenrode eine Zeitlang ein Lager. So manches mal ist es da in unserem Dorf schlimm hergegangen! Viel Not und Pein mußten unsere Vorfahren erleiden, aber daß hier am Umbachsgraben zu damaliger Zeit ein Dorf gestanden haben soll, davon haben die Alten nichts erzählt."

"Ein Dorf muß aber hier mal gestanden haben", meinte der Grebe, "beim Ackern und Graben kommen die Anlieger immer wieder auf alte Mauerreste und finden gebrannte Lehmstücke. Das Dorf muß schon vor dem großen Krieg untergegangen sein."

Bei diesem Gespräch sind die drei auf die Anhöhe gekommen, von der aus sie das "Diebachstal" sehen können. Rechts von ihnen, nach dem Lossetal zu, erhebt sich der "Kalkberg". Zu seien Füßen schlängelt sich durch die Wiesen die Diebach, ein kleiner Bach, der von Windhausen kommt und in die Losse mündet. Hier nähern sich der Kalkberg auf der Heiligenröder Seite und die Anhöhen von Niederkaufungen auf dem anderen Ufer des Baches und schließen die Wiesen in einem schmalen, gewundenen Tal ein, dem "Cranichhalß". Vor ihnen auf der Höhe sehen unsere Wanderer über den Weinberg hinweg, die Äcker und den Wald von Gut Windhausen.

"So, Henner, ich glaube wir müssen nach Hause, Mutter wartet nicht gern am Sonntag mit dem Mittagsbrot, und ich muß dir sagen: Ich habe Hunger!"

Und der Henner? Na, dem scheint der Vorschlag recht zu sein - ehrlich gesagt: Auch er fühlt ein menschliches Rühren in seinem Magen -, er stimmt seinem Freunde zu, und so wenden sie sich wieder dem Dorfe zu. Durch die Judengasse und über den Möcheberg gelangen sie in ihre Höfe. Das Mittagsbrot hat ihnen bestimmt geschmeckt, glaube ich.

 

(Paul Beyer)