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Heiligenrode um 1750

 

(Kurzfassung der Geschichte von Paul Beyer[1]) 

....Auf schlechten Landweg haben wir endlich, von Kassel kommend, das Osterholz erreicht, ein kleines Waldstück, das links und rechts vom Wege liegt. Es gehört zur Stadtgemarkung. Als "Remise" war das Hölzchen Schutzgehege für die Fasanen aus dem Eichwald. Gleich hinter dem Wäldchen fängt die Feldmark Heiligenrode an. Auf den österlichen Anhöhen sehen wir schon den spitzen Kirchturm, und strohbedekte Dächer schauen aus frischem Grün hervor. Unser Weg führt uns durch einen Hohlweg , durch das Feld "am Stein", bis zur Weggabelung, wo der "Schwengeweg" am Wiesengrund nach dem Nachbarort Sandershausen abzweigt. Der Weg am "Schieferstein" ist ausgefahren, und sandige, tiefe Gleise machen den Kühen und Pferden das Ziehen schwer. Bei Regen und Gewitter scheint es hier Wasserfälle zu geben. An "Bruchsteins Hof" vorbei, das "Loch" und die "Mühlengasse" links liegen lassend, erreichen wir die ersten Häuser des Dorfes..... .

....Rund um die Kirche, längs der genannten Straßen, stehen nun die Gehöfte der 34 Ackerleute und die kleinen einfachen Fachwerkbauten der "geringen" Leute. Die aus den Jahren noch erhaltene Karte ist leider so beschädigt, daß sich von der Dorfanlage nichts mehr erkennen läßt. Aus den Kirchenakten und dem Lage- Stück- und Steuerbuch von 1746 ist weiter zu entnehmen: Die beiden Töchter des verstorbenen Leinewebers Georg Paul, die als Mägde dienten, haben ein altes, baufälliges, einzelnes Haus an der Kirchenmauer. Ebenso können sich die Erben von Hans Michael Semmelrock ihre Erbschaft nicht erfreuen. Ihr altes, einfaches, halb verbranntes Haus liegt zwischen dem des gewesenen Greben Mergard und dem Gemeindehirtenhaus....... .

....Im Dorfe selbst, an der Witzenhäuser Straße oder an der Dorfstraße, finden wir das Wohnhaus von Christoph Fieberlings Witwe, das mit seinem Erbgarten im "Weyer" liegt. Der gewesene Grebe Johannes Mergard, der Ältere, wohnt "oben im Dorfe", sein Nachbar heißt Conrad Siebert, ihm zur Seite wohnt Johann Heinrich Göbel. Die Nachbarn des Jost Friedrich Riesch sind Johann George Mergard und Michael Mergard...... . 

.... Gehen wir nun die Mühlengasse noch weiter hinunter bis ins Niestetal, dahin, wo die Krautgärten in den Niestewiesen liegen, so kommen wir an die Mühle von Heiligenrode. Kehren wir bei Müllermeister Heinrich Brückmann ein. Ein Mann in den besten Jahren - er hat gerade die 40 überschritten - empfängt uns. Und weil er mit dem Mahlen nicht überlastet ist, kann er sich uns widmen. Er erzählte, schon sein Vater sei hier Müller gewesen; sein Großvater, der aus der Mittelmühle in Uschlag stamme, habe sich hier eine Frau geholt, eine geborene Mergard. Nach dem Aussterben der alten Müllerfamilie Althans habe Großvater die oberschlächtige Wassermühle erworben.... .

.... Das Aktenstück berichtet weiter: "die Anzahl der Häuser ist jetzt 94½ Gebäude." Sie verteilen sich um die Kirche herum und liegen in der Witzenhäuser Straße von der großen Linde bis zur Liehtgasse, in der Dorfstraße von der Mühlengasse bis zum Möncheberg, in der Kirchgasse und auf dem Opferhof. ....

.... Der regierende Grebe führte damals folgende Einwohner an: 88 Männer, 95 Frauen, 143 Söhne, 106 Töchter, 3 Knechte und 6 Mägde, mithin 443 Personen. Folgende Berufe waren vertreten: 34 Ackersleute, 3 Schmiede, 3 Schneider, 10 Leinweber, 2 Wagner, 1 Koch, der zugleich Tagelöhner und Gastwirt war, 2 Maurer nebenbei Leineweber, 1 Leineweber zugleich Weißbinder und Metzger, 5 Gastwirte, 1 Schreiner und 1 Müllertagelöhner. Von den herrschaftlichen Bedienten waren vertreten: 1 Pfarrer, 1 Schulmeister, 1 Grebe und 2 Forstläufer, von denen einer noch einen Ausschank mit Brandwein betrieb. In der Gemeide waren bedienstet: 2 Vorsteher, 1 Kuhhirt, 1 Schweinehirt, 1 Gänsehirt, 1 Dorfknecht, 1 Landgrenadier, 4 Ausschösser und 5 Nebenmänner. 

... Nicht weniger als 5 Gastwirte betrieben ihr Gewerbe in unserem Dorf. Ihr Bier bezogen sie aus Kassel und der Verbrauch ist, wie das Lagerbuch erzählt, "ziemlich". Man höre und staune: Die drei Gastwirte, die nur Bier ausschenkten, verbrauchten jährlich 8 Fuder und vier Ohmen; ein Fuder faßt 12 Ohmen, 1 Ohm hatte 150 Liter, mithin wurden jährlich 15000 Liter Bier ausgeschenkt. Nun hatte die Witwe das Heinrich Mergard noch die "Consens"[2] , im Hause Branntwein zu brennen, wofür sie dem Staate eine "Akzise"[3] von 19 Thalern jährlich entrichtete; für das Ausschenken bezahlte sie außerdem noch 36 Albus. Eine zweite Schenke dieser Art hatte Ludwig Scheidemann, der auch Fortläufer war. Johann Scheidemann war nebenbei Tagelöhner und Hausschlachter, der auch auf Hochzeiten als Koch fungierte. Beim Wirt Johann George Kannstein konnten die Einwohner gleich ihre zerrissenen Schuhe abliefern, in seinen Mußestunden war er Schuster. Die dritte Bierschenke stand die Witwe des Georg Mergard vor..... .

 

Zur Geschichte einen Auszug aus dem Lage-, Stück- und Steuerbuch von 1746

"Alhier ist ein Brandweins brenner Henrich Mergards rel., hat eine 9½ Eymerige Blaße und 2 Concessionen über brennen und Schenken auch auf 3 Jahr vom 1ten Januar 1743 gelößt, solche kosten 7 Rthlr. 8 Hlr. an Cammer juribus und Weinkauff ingesamt, bezahlet alle jahre 26 Alben wegen des Schenkens a parte, brennen wöchentlich 2 mahl im Hochsommer und kältesten winther aber gar nicht."

weiter..." Die Wittib Mergard hat eine concession vom 1 ten Januar 1743 auf 3 Jahr mit 7 Rthlr. 20 Alben an Cammer juribus und Weinkauff gelöset über den Bier- und Brandeweins Schanck und zahlet noch jährlich 2 Rthlr. vom Bier und 1 Rthlr. vom Brandewein Schank a part."


[1] aus "Heimatliche Schriftreihe -Heiligenrode Nr. 1-". Herausgegeben  vom Lehrer- Arbeitskreis für Heimatkunde Kassel-Land nach 1950.

 

[2]Erlaubnis  

[3]Steuerabgabe