MERGARD.com

Der Hof des Bauern Mergard um 1750 

 

Einer von den im "Lager-, Stück- und Steuerbuch der Dorfschaft Heiligenroda" aufgezählten Ackerleuten, auch Ackermänner genannt, ist Johann Mergard, der später seinem Sohn Conrad den Hof im Dorf überschreiben läßt. Es ist einer der größten Höfe im Dorf. Der Hof zerfällt in zwei Teile: Eimal der "Hueffensitz" mit "Hausz, Scheuer und Stallung", zum anderen das "Erbgut", das gleich daneben lag, es bestand auch aus "Hausz und Hoffreyde nebst Scheuer und Stallung".

 Versetzten wir uns in die Zeit um 1750.  Von der Straße aus gelangen wir durch das Hoftor auf den Hof. Er ist von den Wohnhaus, der Scheuer und der Stallung umgeben. Die Häuser sind Fachwerkbauten aus mächtigen Eichenbalken und Gefachen. Das Wohnhaus steht mit dem Giebel zur Straße, mit seiner Längsseite am Hof. Es ist die Anlage des fränkischen Bauernhofes. Mitten auf dem Hof liegt die Miste. Vier Pferde scharren im Stall, ihre Stallnachbarn sind zwei Kühe, die leise brummend mit den Schwänzen sich die Fliegen erwehren.

20 Scharfe bevölkern den Scharfstall, und das Grunzen der Schweine und Quietschen der Ferkel fehlt auch nicht in diesem "Hofkonzert". Hühner und Küken scharren auf dem Hof und heimlich im Hausgarten zum Verdruß der Hausfrau. Familie Ganz zieht gerade durch das hintere Tor in den Grasgarten. Bello, der treue Wächter des Hofes, sieht uns von seiner Hütte aus kommen, und mit lautem Gekläff werden wir von ihm begrüßt.

 Der Bauer, ein rüstiger Fünfziger, empfängt uns in der Wohnstube. Den langen blauen Rock, aus selbstgewebtem Leinen vom Dorfschneider angefertigt, hat er nicht zugeknöpft. Eine bunte Weste mit großen blanken Knöpfen spannt sich über die breite Brust des Mannes. Ein weißes Leinenhemd guckt aus dem Westenausschnitt am halse hervor, und eine weiße angenähte Rüsche bildet den Kragen. Mit einladender Geste bittet er uns, Platz zu nehmen. Da tritt auch schon die Hausfrau ein. Da heute Sonntag ist, trägt sie ihr Staatskleid. Der faltenreiche Rock von festem lederbraunen Wollstoff reicht bis an die Wade, er ist am unterem Saumen in mehreren Reihen mit einem schwarzen Bande eingefaßt. Die Jacke mit kurzem faltig angelegtem Schößchen ist aus dem selben Wollstoff und liegt gut am Körper an, sie ist vorn mit verdeckten Knöpfen geschlossen.

  Die Ärmel, in der Armbeuge ziemlich weit, schließen vor dem Handgelenk eng an und enden in weißen Rüschen. Ein schwarzes Wolltuch, die junge Mädchen tragen es aus farbigen Stoff mit Streifen und Mustern, wird von Nacken her um den Hals gelegt, zu einem Knoten verschlungen und beide Zipfel rechts und links nach hinten genommen und auf dem Kreuz geknotet. Dieses Tuch ist von großer Länge und fällt noch ein beträchtliches Stück über den Rock herab. Die Schürze ist aus farbiger Leinwand, ziemlich schmal und etwas kürzer als der Rock.

Bald nach der Begrüßung dampft die Kaffeekanne auf dem Tisch; der selbstgebackene Kuchen wird auf einem großen Holzteller angeboten.

Schauen wir uns in der Wohnstube einmal um!: In der Ecke steht ein ziemlich großer Kachelofen. Die grünen Kacheln hat der Vater des Bauern einst aus einer Großalmeröder Töpferei geholt. Die Ofenbank bietet im Winter ein warmes Plätzchen. Die alt bunt bemalte Truhe enthält das an langen Winterabenden selbst gesponnene Linnen; in besonders eingearbeiteten Kästen verwahren die Hausfrau und die Töchter den Schmuck. Die beiden Spinnräder nehmen die Töchter in die Spinnstube mit, die Wintertags in den Bauernhäusern reihum geht. Rings an den Wänden sind Wandbretter angebracht, auf denen alte zinnerne Krüge und Teller und der messingne Mörser, blitzblank geputzt, mehr als Zierrat als zum täglichen Bedarf gedacht, ihren Platz gefunden haben.

Die gescheuerten Dielen sind mit weißem Sand bestreut. Den Anstrich der Wände besorgte der einheimische Weißbinder Tobias Hase, der auf hellem Untergrund schöne bunte Blumenranken gemalt hat. Die dicken Eichenbalken, die sich an der Decke quer durch die Stube ziehen, sind im Laufe der Jahrzehnte dunkelbraun geworden. Nur spärlich lassen die kleinen Fenster Luft und Licht in die Wohnstube herein. Auf den Fensterbrettern stehen Blumenstöcke, das fleißige Lieschen, der Rosmarin und der Goldlack; lebevoll hegt die Hausfrau ihre Blumen. So macht die Stube jetzt einen gemütlichen Eindruck, der noch erhöht wird, wenn abends beim Schein des Öllämpchens, im Volksmund die "Ölfunzel" genannt, nur die Gesichter der um den Tisch versammelten Familienmitglieder erhellt sind und die übrige Stube im Halbdunkel liegt.

Wir reden vom Wetter, von den bösen Zeiten und schließlich auch von der Landwirtschaft.

Hier müssen wir gut aufpassen, um den Ausführungen unseres Wirtes zu folgen.

"Ja" , so spinnt der Bauer seinen Faden weiter, "unsere gesamte Feldmark ist in drei große Schläge eingeteilt, auf dem einen säen wir im ersten Jahr nur Sommersaat, auf den zweiten Schlag bringen wir im Herbst die Winterfrucht, und der dritte Schlag bleibt als Brach ein Jahr unbestellt liegen. In den nächsten Jahren wechseln wir wieder die Schläge, so daß wir im vierten Jahr da wieder Sommersaat haben, wo wir sie heut aussäten. Dies nennt man Drei-Felder-Wirtschaft.

Erschwerend bei dieser Arbeit ist folgendes: Unser Grebe setzt im Einvernehmen mit uns Bauern den Anfangstermin der Aussaat an, und zu einem bestimmten Termin müssen wir alle mit der Arbeit fertig sein. So geht es bei der Frühjahrs- und auch bei der Herbstbestellung, bei Mähen der Wiesen, beim Austreiben der Schafe und Kühe auf der Weide oder Brache und bei Anfang und Ende der Ernte. Mein Bauernland liegt nun nicht etwa in einem zusammenhängendem Stück, ich werde euch mal aufzählen, wo überall mein Land verstreut liegt. Paßt gut auf und verzählt euch nicht:

Auf der "halben Hueffe Landes, die großen Wieszen halbe Hueffe genannt", habe ich folgende Stücke (1 Acker sind ungefähr 1 Morgen):

 

  •                            3/4  Acker 7 Ruthen am Spitzenberg, die Kaule genannt.

  •                            1/2  Acker 2 Ruthen vorm Spitzenhof,

  •                         1 3/4  Acker 7 Ruthen am Balgenröder Weg,

  •                            7/8  Acker 7 Ruthen am Müncheberg

  •                         1 1/8  Acker     am mittelsten Strich,

  •                            9/16 Acker 4 Ruthen auf den schwarzen Äckern,

  •                            1/2  Acker 4 Ruthen am hintersten Strich

  •                         1 1/8  Acker 3 Ruthen am Sandberg,

  •                            1/4  Acker     Wüstes dabei,

  •                         1 3/8  Acker 3 Ruthen am Cranichhalses Weg,

  •                         1 4/16 Acker 5 Ruthen auch da im Bruche.

  

Das sind schon 12 Streifen Land, alle in der Größe von 1/4 bis 1/ 3/4 Acker. Auf der "Strich halben Hufe" habe ich weiter 15 Streifen, durchschnittlich alle von der selben Größe, zusammen 13 1/8  Acker 1 Ruthe. Die Stücke liegen vor der Winterlieth, in de Gehren, in den Entenpfühlen, hinter der Umbach, am hintersten Strich, vor den Bendsiegen, am Gehege, am Schwengeweg, auf den Crämersiegen, am Gecksberg, am Sesze, vor den Bornwiesen. 14 weitere Stücke gehören zur "Diebachs halb Hufe" und sind 13 3/16 Acker und 3/4 Ruthen groß.

In der "Kleinen Bruchs halbe Hufe" habe ich 10 3/4 Acker und 7/8 Ruthen Land in 12 Stücken am Müncheberg, am Kley, über den kleinen Bruch, vor den Rothwiesen, am Stein, am Balkenstrick und am Casselweg. Zur "Crainingshals halben Hufe" gehören noch 12 Stücke hinter der Umbach, in der Umbach, auf dem Kalkberg, vor den trockenen Wiesen, vor dem Crainingshals, das lange Stück, auf den vier Stücken, vor den vier Stücken, wo jetzt eine Wiese zu Land gemacht ist, am Kalgwege, am Kalgberg und vor der Hecke. Das sind zusammen 65 Landstücke, die ich einzeln bearbeiten muß."

"Und die Wiesen?"

"Unsere Wiesen sind auch lauter kleine Flächen, aber sie liegen alle bis auf ein kleines Stück an der Nieste ziemlich dicht beisammen: auf der Losse, auf den Trieschern, die Kleywiesen, vor der Bornwiesen, im Gehege, im kleinen Bruche, am Craninghalse, der Crämersiegen, in der Diebach und am Pfaffentriesch. Schließlich müssen wir noch einzelne Gartenstücke hinzurechnen im Teich, am Spitzenhof, an der Kleywiese, in der Umbach und im Teiche. So haben wir an Land, Wiesen und Gartenland im ganzen 80 Stücke!"

"Und wie steht es mit der Güte des Bodens?"

"Ja, unsere Äcker liegen auf den Bergen und an den Abhängen; starke Gewitterregen haben schon wiederholt Schaden angerichtet, das ist ja erklärlich. Auch das Wild vernichtet in strengen Wintern Teile der Aussaat; unsere Äcker oben in den Fuchslöchern, an den Foßnackergraben und weiter oben nach Windhausen zu, stoßen ja unmittelbar in den herrschaftlichen Forst. Die Forstläufer haben dann genug Arbeit. Der Boden ist vermischt. Teils sandig, teils steinig, teils ist es einigermaßen gutes Land wie oben in den Gehren und an der Kaufmannsbreite. Wassergallen - das sind zu nasse Stellen im Acker - und tonige Stücke sind in der Feldmark vorhanden. Im großen und ganzen können wir mit der Güte des Bodens zufrieden sein."

"Und wie steht es mit den Erträgen?"

"Wir säen auf dem besten Acker 41/2 Metze Roggen, eine Metze wiegt etwa 13 Pfund. Bei den anderen Äckern beträgt die Aussaat 5 Metzen. Und ernten? Ja, das ist natürlich sehr, sehr verschieden! In den guten Jahren ernten wir von den besten Äckern 36 Gebund, von den schlechtesten aber nur 12. Wir rechnen 60 Gebund auf 3 Casseler Viertel Korn, ein Viertel wiegt etwa 270 Pfund. Wir haben aber schon Jahre gehabt, in denen wir von 60 Gebund nur 2/4 ausdroschen. Bei der Gerste ist es ähnlich. Auf jeden Acker säen wir 41/2 Metzen aus und ernten 16-36 Gebund; 60 Gebund ergeben wieder 3 Viertel, manchmal auch etwas mehr; ein Viertel wiegt etwa 220 Pfund. Auf einen Acker kommen 5 Metzen Hafer zur Ausaat. Bei etwas feuchten Wetter werden je nach der Güte des Bodens 6-12 Gebund geerntet. 60 Gebund geben dann ungefähr 41/2 Viertel, das Viertel mit rund 160 Pfund gerechnet. Diese Angaben beziehen sich auf gute Jahre, wir brauchen hier viel Regen. Fehlt er aber, so haben wir Mißernte."

"Und die Heuernte?"

"Die meisten Wiesen sind mehrschürig, sie können also zweimal im Jahr gemäht werden. Bei günstiger Witterung ernten wir auf den besten Wiesen, die in den Hufen liegen, 12 Fuder Heu und 6 Fuder Grummet, von den schlechtesten aber nur 5 Fuder Heu und keinen Halm Grummet; diese Wiesen sind nur einschürig."

"Mein lieber Mergard, Ihr habt uns jetzt ordentlich über Eure bäuerlichen Verhältnisse orientiert. Erlaubt, daß ich Euch noch eine Frage stelle, die allerdings mehr Eure Hausfrau angeht. Ihr wollt ja das Essen immer pünktlich auf den Tisch haben, nicht zu wenig und nicht zu schlecht, nicht wahr?

Die Frau muß aber Holz zum Feuern haben. Woher bekommt Ihr Euer Brennholz?

Könnt Ihr da in den Wald gehen und die Bäume nach Belieben umschlagen und nach Hause holen?

"Nein, nein so ist das nun nicht. Wir kaufen aus dem herrschaftlichen Forst unser Holz. Wir Fahrbauern holen es vom Förster auf der Rottebreite, die Kötter aber, was die geringen Leute sind, die kein Gespann haben, bekommen es aus der nähergelegenen Winterlieth. Uns Bauern stehen 4 Klafter Holz und das Buschholz zu; die geringen Leute bekommen nur 2 Klafter, der Haulohn muß extra bezahlt werden. Ein Klafter Holz kostet 16 1/3 Albus, das ist ein halber Thaler. Ich muß bei den heutigen Preisen also ein Viertel Roggen verkaufen, um meine vier Klafter Holz bezahlen zu können."

Bei der letzten Unterhaltung hatte die Frau schon den Tisch gedeckt und uns freundlich zum Abendessen eingeladen. Doch lange konnten wir nicht mehr verweilen. Wir mußten bald aufbrechen, um noch rechtzeitig in die Stadt zu kommen, denn um 9 Uhr wurde das Stadttor geschlossen.

 

(Paul Beyer)

 

Anmerkung aus dem Lage-, Stück- und Steuerbuch von 1746:

Der Bauer Johannes Mergard hatte von seinem ca. 107 Acker großen Hof mit 4 Pferden, 2 Kühe und 20 Schafen an monatlicher Steuer 1 Tlr., 11 Albus und 11